Sie hat die Substanz aufgebraucht, bis nichts mehr da war […]
Wo kam diese Substanz her? Nach dem 2. WK hatte die UdSSR die verbleibenden Industrieanlagen als Reparation abgezogen und die junge DDR als deinstrialisiertes Land in Trümmern im Wesentlichen sich selbst überlassen. Erst wesentlich später, nachdem der ursprünglich angestrebte Schachzug “DDR liquidieren und dadurch ein blockfreies, wiedervereintes Deutschland schaffen” vom Tisch war (Westmächte sagen Nein) und eine von Amerika mit Finanzspritzen vollgepumpte BRD im Aufschwung war, hat man in Moskau eingesehen, dass die DDR zumindest mit einer ausreichenden Menge an Rohstoffen beliefert werden sollte, damit diese sich industriell entwickelt. Das tat sie auch sehr betrachtlich, weshalb sie in ihrer Endphase tatsächlich von ihrer Substanz leben konnte.
Die ökonomischen Gründe für den Niedergang der DDR waren die Isolation vom Weltmarkt und die ökonomische Desintegration bzw. allgemein schlechte Koordination des RGW (alle kochen ihr eigenes Süppchen), die vor allem ab der 2. Ölkrise zu wachsender Staatsverschuldung und damit sinkender Innovationskraft (man sparte an der Innovation, um Kredite zu bedienen) und Wettbewerbsfähigkeit in einen Teufelskreis führte.
Keine Ahnung was dein Punkt ist. Der Sozialismus ist kein Zauberstab, der alle ökonomischen Probleme verschwinden lässt. Eine kapitalistische Marktwirtschaft in der DDR hätte unter den gleichen Bedingungen zur massiven Verelendung der Bevölkerung mit ebenfalls darauf folgendem Kollaps geführt. Dass die Menschen dort trotz der prekären Lage vergleichsweise materiell gut leben konnten ist in meinen Augen ein Plus- und kein Minuspunkt.
Stattdessen hat das wiederverinigte Deutschland diese Reformen und diese Last übernommen
Nö. Das westdeutsche Kapital hat sich am Staatseigentum der DDR gesundgeplündert und es wurden ein paar Investitionen in die Infrastruktur gesteckt. Die Ostbundesländer sind nachwievor ziemlich am Arsch, haben kaum ein industrielles Standbein, einen geringeren Lebensstandard, ein geringeres Lohnniveau und bluten Fachkräfte nach Westen. Die Hoffnungslosigkeit auf Besserung und Desillusionierung mit dem politischen System im Osten ist genau der Nährboden, den Demagogen brauchen um zu verfangen.
[…] ist es auch ein bisschen unehrlich, die Auswirkungen von 40 Jahren Raubbau […]
Die BRD hätte vielfach die ökonomischen Mittel, um in den 35 Jahren seit Absorption der Ostbundesländer die strukturellen Defizite auszugleichen. Warum fliegt uns denn der Osten gerade um die Ohren?
Man muss auch halten können, was man den Leuten verspricht.
Na aus dem Land. Vor dem Krieg war Sachsen eines der industriellen Zentren Deutschlands und auch generell ist nicht zu unterschätzen, wie wirtschaftlich stark das Land bis dahin war und wie viel Substanz in so einem derart entwickelten Gebiet liegt, selbst nach dem Krieg. Dass die Sowjetunion ihrem Satellitenstaat als erstes jedes zweite Bahngleis wegnahm und den Inhalt von Fabrikhallen demontieren ließ, hat zwar nicht geholfen, hinterließ aber auch keine brachliegende Einöde.
Keine Ahnung was dein Punkt ist.
Mein Punkt ist, dass sich das System der DDR nicht getragen hat. Insofern ist es schwierig, hier davon zu reden, dass bestimmte Dinge “möglich” waren. Denn die Rechnung ging ja nicht auf - letztendlich waren sie also nicht möglich, man hat nur ein paar Jahrzehnte so getan.
Nö. Das westdeutsche Kapital hat sich am Staatseigentum der DDR gesundgeplündert und es wurden ein paar Investitionen in die Infrastruktur gesteckt.
Jo, das ist halt nur eine Seite der Medaille. Klar gab es viele Fehler und Ungerechtigkeiten auf Kosten Ostdeutschlands in der Nachwendezeit, das ist definitiv der Fall. Aber gleichzeitig wird dabei auch gerne bequem ausgeblendet, in welchem desolaten Zustand sich das Land zum Zeitpunkt seines Zusammenbruchs befand. Nimm eine Stadt wie Bitterfeld: über Jahrzehnte unter der DDR fahrlässig vergiftet, galt es damals als einer der dreckigsten Orte Europas. Wenn du zu jung bist, das selber miterlebt zu haben, schau’s dir mal auf Bildern an. Und heute? Klar sind die Straßen nicht aus Gold, aber die Böden sind weitestgehend saniert, in den Gewässern kannst du mittlerweile baden. Und das ist nur die Spitze. Ich weiß noch, wie es Anfang der 90er in Dörfern der (ehem.) DDR aussah, du auch?
Die BRD hätte vielfach die ökonomischen Mittel, um in den 35 Jahren seit Absorption der Ostbundesländer die strukturellen Defizite auszugleichen.
Perfekt lief es zwar nicht, aber wie der Osten heute mittlerweile aussieht, kann sich unironisch sehen lassen. Da gibt es Orte tief im Westen, die sehen schäbiger aus. Gleichzeitig hat sich die Wirtschaftsleistung je Einwohner im Osten seit der Wiedervereinigung bis 2019 verdoppelt: sie liegt zwar noch immer “nur” bei 69% im Vergleich zu den Alt-Ländern, lag aber 1990 nur bei 32%.
Warum fliegt uns denn der Osten gerade um die Ohren?
Ich denke, da kommen mehrere Punkte zusammen: empfundene Kränkungen, Enttäuschungen über ein System, in dem man sich noch nicht so recht eingefunden hat, weil es ganz andere Dinge fordert als zu DDR-Zeiten gefragt waren, und welches gerade in letzter Zeit auch nicht nur den wirtschaftlichen Weg nach oben kennt, den man vielleicht erwartet hätte, Sehnsüchte in eine vermeintlich einfachere Zeit (das ist kein Ost-Phänomen, sondern Grundlage der globalen Welle des Populismus, führt hier spezifisch jedoch zu dieser Ostalgie). Ich finde es insofern spannend, als dass ich Ostdeutsche hier auch für “sensibler” halte, sie also früher auf eine Entwicklung ansprechen, die letztlich bundesweit auftreten wird. So ist die AfD zwar nach wie vor sehr stark im Osten, aber eben mittlerweile auch im Westen verankert.
Na aus dem Land. Vor dem Krieg war Sachsen eines der industriellen Zentren Deutschlands und auch generell ist nicht zu unterschätzen, wie wirtschaftlich stark das Land bis dahin war und wie viel Substanz in so einem derart entwickelten Gebiet liegt, selbst nach dem Krieg.
Vom Kriegsende bis in die 50er war die BRD so aufgepäppelt worden, dass die Industrie im Vergleich zum Vorkriegsniveau gestiegen war; auch vor dem Krieg war der Westen schon der Standort der Industrie, samt entsprechenden Rohstoffvorkommnissen. Die Demontage tausender Industrieanlagen in der DDR hingegen hatte bis dahin die industrielle Produktion um c.a. 1/3 einbrechen lassen.
Ab den 60ern setzte dank Rohstofflieferungen und mehr Autonomie eine massive wirtschaftliche Entwicklung samt Steigerung des Lebensstandards ein, wobei die DDR dabei zeitweise ein BIP pro Kopf erlangte, das vergleichbar mit dem Großbritanniens war. Es gab schlicht zu Beginn nicht genug “Substanz”, um davon irgendwie längere Zeit stabil zu bleiben geschweige denn einen derarten wirtschaftlichen Aufschwung zu simulieren; der Arbeiteraufstand von 1953 zeigt das mMn eigentlich sehr deutlich. Dieser Aufschwung muss also mit einer tatsächlichen Steigerung der Produktion einhergegangen sein - was ich eher als Substanzgewinn bezeichnen würde.
Natürlich hatte die DDR gerade ab den 80ern massive Haushaltsdefizite, die durch Befriedung der Bevölkerung durch Anhebung des Konsumniveaus verschärft wurden. Diese Probleme wurden durch die Ölkrise und narürlich auch den Niedergang der UdSSR immer schlimmer. Die Kredite mussten bedient werden, wodurch Investitionen in Bildung und Infrastruktur vernachlässigt wurden und die DDR an dieser Stelle absolut von ihrer Substanz zehrte.
Aber die Aussage, die DDR hätte lediglich von ihrer Substanz gelebt und ihre ökonomischen und sozialen Errungenschaften wären nur Schein gewesen, ist meiner Ansicht nach zu eindimensional und ähnlich ahistorisch wie zu behaupten in der DDR wäre bis zur Perestroika alles super glaufen und sie wäre nur vom bösen Westen durch Wirtschafssabotage und Aufhetzen der ostdeutschen Bevölkerung und vom Osten durch Verrat der UdSSR niedergerungen worden.
Mein Punkt ist, dass sich das System der DDR nicht getragen hat. Insofern ist es schwierig, hier davon zu reden, dass bestimmte Dinge “möglich” waren.
Gehen wir mal davon aus, es hätte eine kapitalistische DDR gegeben (so absurd der Gedanke eines kapitalistischen Staates im Ostblock auch ist), die in den exakt gleichen wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen wie die historische DDR überleben müsste, also Feindschaft des Westens, Ressourcenknappheit, RGW usw. Hätte das Endergebnis anders ausgesehen? Ich denke kaum. Oder meinst du, dass sich eine kapitalistische DDR durch gnadenlose Auspressung der Arbeitskraft ihrer Bevölkerung oder fantastische Innovationskraft über Wasser hätte halten können? Die Weimarer Republik zuvor hat ja eindrucksvoll gezeigt, dass auch kapitalistische liberal-demokratische Staaten in ökonomischen Krisen … problematische Tendenzen entwickeln. Liegt das Scheitern der DDR wirklich am Sozialismus oder doch eher an ihrem Autoritarismus, der zur Unpopularität führte, und ihren ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen?
Das ist aber gar nicht mein Punkt.
Mein Punkt war und ist jedoch Folgender: Unter besseren Rahmenbedingungen könnte ein genuin partizipativer sozialistischer Staat so viel mehr erreichen. Wenn selbst eine von Mangelwirtschaft, Autoritarismus und Isolation geplagte DDR es im Vergleich zur viel reicheren BRD geschafft hat, Obdachlosigkeit und Elend zu beseitigen, für die Emanzipation der Frau so viel mehr geschafft hat als die BRD und so weiter und so fort, wie progressiv könnte dann eine sozialistische Gesellschaft in einem bereits industriell voll entwickeltem Land aussehen?
Perfekt lief es zwar nicht, aber wie der Osten heute mittlerweile aussieht, kann sich unironisch sehen lassen. Da gibt es Orte tief im Westen, die sehen schäbiger aus. Gleichzeitig hat sich die Wirtschaftsleistung je Einwohner im Osten seit der Wiedervereinigung bis 2019 verdoppelt: sie liegt zwar noch immer “nur” bei 69% im Vergleich zu den Alt-Ländern, lag aber 1990 nur bei 32%.
Dennoch ist der Osten im Wesentlichen zunächst eine Wirtschaftskolonie geworden. Das Gerechtigkeitsgefühl litt ganz massiv unter dem Zusammenbruch des Gemeinwesens und der beobachteten Plünderung des Ostens durch den Westen, selbst wenn danach einiges auch aufgebaut wurde. Heute liegt das Vermögen weitestgehend im Westen, die Unternehmen und ihre Bosse kommen aus dem Westen, die Politiker oft auch und im Vergleich sind Ostdeutsche ökonomisch schlechter abgesichert und haben weniger Vermögen. Die “Wiedervereinigung” ist ja gerade deshalb so tragisch, weil die Ostdeutsche Bevölkerung wirklich große Hoffnungen hatte und für die Einheit gekämpft hatten - sie bekamen aber als erstes sozialen Kahlschlag, Arbeitslosigkeit und allgemeine Ernüchterung. Ich denke die Kränkung der Ostdeutschen ist ein Gefühl, das deshalb durchaus eine materielle Grundlage hat.
Aber die Aussage, die DDR hätte lediglich von ihrer Substanz gelebt…
Falls du dich daran störst, dass man meine Aussage so verstehen kann, dass die DDR zu keinem Zeitpunkt eigene Substanz geschaffen hat, sondern nur aufgebraucht hat, das möchte ich damit überhaupt nicht gesagt haben.
Bis zum Zeitpunkt ihres Zusammenbruchs hat sie jedoch in Summe so sehr die Substanz aufgezehrt, dass es schlicht nicht mehr weiterging.
und ihre ökonomischen und sozialen Errungenschaften wären nur Schein gewesen
Was heißt nur Schein? Sie waren zwar real, aber nicht finanziert.
Ich kann als Bar auch jeden Abend meinen Kunden das Bier für 50 Cent verkaufen. Viele Kunden werden das super finden und ich werde das Spiel eine Zeitlang auch aufrecht erhalten können. De facto werde ich jedoch immer mehr Mittel in dieses “Bierversprechen” stecken müssen, die mir anderswo fehlen, bspw Renovierungen. Bis mir irgendwann trotzdem die letzte Kohle ausgeht und ich dicht machen muss.
Derjenige, der dann meinen Laden übernimmt, kernsanieren muss und dann das Bier für 4 Euro anbietet, darf sich dann auch anhören, dass das Bier hier früher viel billiger war und es früher doch viel schöner war und was da alles möglich war. War’s halt nicht, darum gibts die Bar nicht mehr.
Gehen wir mal davon aus, es hätte eine kapitalistische DDR gegeben (so absurd der Gedanke eines kapitalistischen Staates im Ostblock auch ist), die in den exakt gleichen wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen wie die historische DDR überleben müsste, also Feindschaft des Westens, Ressourcenknappheit, RGW usw.
Das scheitert schon daran, dass es bei einem kapitalistischen Wirtschaftssystem keine Feindschaft des Westens gegeben hätte, sondern eine Feindschaft des Ostens, da die Trennlinien entlang der Wirtschaftssystemgrenzen gezogen waren. Genau das war ja Kern des Ganzen.
Liegt das Scheitern der DDR wirklich am Sozialismus oder doch eher an ihrem Autoritarismus, der zur Unpopularität führte, und ihren ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen?
Da ihr Sozialismus im Rahmen des damaligen Wettstreits der Systeme dazu geführt hat, der erklärte Gegner der Marktwirtschaft zu sein, sind die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen für mich damit verbunden. Bezüglich des Autoritarismus als Grund habe ich insofern Bedenken, als dass wir in China erleben können, wie sehr die Bevölkerung harten Autoritarismus toleriert, so lange ökonomische Rahmenbedingungen das ausgleichen. Im Gegensatz zur Sowjetunion und ihren Ländern hat sich China retten können, indem man es zwar nach wie vor “Sozialismus” nennt, in Wahrheit den Kapitalismus aber längst in die Wirtschaft gelassen hat. Noch klappt das.
Heute liegt das Vermögen weitestgehend im Westen, die Unternehmen und ihre Bosse kommen aus dem Westen, die Politiker oft auch und im Vergleich sind Ostdeutsche ökonomisch schlechter abgesichert und haben weniger Vermögen.
… und trotzdem jubeln erschreckend viele dieser enttäuschten Ostdeutschen heute einem Westler Höcke zu, der wie damals die windigen West-Handelsvertreter nach dem Mauerfall ins Land gekommen ist und ihnen nutzlosen Kram zu seinem eigenen Vorteil andrehen will.
sie bekamen aber als erstes sozialen Kahlschlag, Arbeitslosigkeit und allgemeine Ernüchterung.
Schon richtig. Das liegt allerdings nicht nur an den bösen Westlern, sondern weil auch erst dann der bis dahin durch die DDR mühevoll verborgene Zustand des Landes freibrach. Es ist auch die Rechnung gewesen für 40 Jahre “Arbeiterparadies”. Diesen Preis hätten die Bewohner des Landes jedoch so oder so zahlen müssen, ob nun als Bürger der DDR oder der BRD. Es ist den ehemaligen Brudervölkern ja nicht anders gegangen.
Bei uns war nur das fatale, dass es dann nur die eine Hälfte des Landes betraf und nicht alle. Ein Psychoexperiment, das gezielt Unfrieden stiften soll, könnte man quasi gar nicht besser aufziehen. Insofern: ja, es hat eine materielle Grundlage und die Narben sind noch nicht geheilt. Das ist aber auch nicht zu erwarten, denn der Kraftakt Wiedervereinigung in Zeiten des Umbruchs ist ein wohl einmaliges Vorhaben ohne Blaupause. Und doch verblassen mit jedem weiteren Jahr die tiefen Gräben weiter, die die deutsch-deutsche Teilung und ihre Schatten gerissen haben.
Wo kam diese Substanz her? Nach dem 2. WK hatte die UdSSR die verbleibenden Industrieanlagen als Reparation abgezogen und die junge DDR als deinstrialisiertes Land in Trümmern im Wesentlichen sich selbst überlassen. Erst wesentlich später, nachdem der ursprünglich angestrebte Schachzug “DDR liquidieren und dadurch ein blockfreies, wiedervereintes Deutschland schaffen” vom Tisch war (Westmächte sagen Nein) und eine von Amerika mit Finanzspritzen vollgepumpte BRD im Aufschwung war, hat man in Moskau eingesehen, dass die DDR zumindest mit einer ausreichenden Menge an Rohstoffen beliefert werden sollte, damit diese sich industriell entwickelt. Das tat sie auch sehr betrachtlich, weshalb sie in ihrer Endphase tatsächlich von ihrer Substanz leben konnte.
Die ökonomischen Gründe für den Niedergang der DDR waren die Isolation vom Weltmarkt und die ökonomische Desintegration bzw. allgemein schlechte Koordination des RGW (alle kochen ihr eigenes Süppchen), die vor allem ab der 2. Ölkrise zu wachsender Staatsverschuldung und damit sinkender Innovationskraft (man sparte an der Innovation, um Kredite zu bedienen) und Wettbewerbsfähigkeit in einen Teufelskreis führte.
Keine Ahnung was dein Punkt ist. Der Sozialismus ist kein Zauberstab, der alle ökonomischen Probleme verschwinden lässt. Eine kapitalistische Marktwirtschaft in der DDR hätte unter den gleichen Bedingungen zur massiven Verelendung der Bevölkerung mit ebenfalls darauf folgendem Kollaps geführt. Dass die Menschen dort trotz der prekären Lage vergleichsweise materiell gut leben konnten ist in meinen Augen ein Plus- und kein Minuspunkt.
Nö. Das westdeutsche Kapital hat sich am Staatseigentum der DDR gesundgeplündert und es wurden ein paar Investitionen in die Infrastruktur gesteckt. Die Ostbundesländer sind nachwievor ziemlich am Arsch, haben kaum ein industrielles Standbein, einen geringeren Lebensstandard, ein geringeres Lohnniveau und bluten Fachkräfte nach Westen. Die Hoffnungslosigkeit auf Besserung und Desillusionierung mit dem politischen System im Osten ist genau der Nährboden, den Demagogen brauchen um zu verfangen.
Die BRD hätte vielfach die ökonomischen Mittel, um in den 35 Jahren seit Absorption der Ostbundesländer die strukturellen Defizite auszugleichen. Warum fliegt uns denn der Osten gerade um die Ohren?
Ja, sollte man.
Na aus dem Land. Vor dem Krieg war Sachsen eines der industriellen Zentren Deutschlands und auch generell ist nicht zu unterschätzen, wie wirtschaftlich stark das Land bis dahin war und wie viel Substanz in so einem derart entwickelten Gebiet liegt, selbst nach dem Krieg. Dass die Sowjetunion ihrem Satellitenstaat als erstes jedes zweite Bahngleis wegnahm und den Inhalt von Fabrikhallen demontieren ließ, hat zwar nicht geholfen, hinterließ aber auch keine brachliegende Einöde.
Mein Punkt ist, dass sich das System der DDR nicht getragen hat. Insofern ist es schwierig, hier davon zu reden, dass bestimmte Dinge “möglich” waren. Denn die Rechnung ging ja nicht auf - letztendlich waren sie also nicht möglich, man hat nur ein paar Jahrzehnte so getan.
Jo, das ist halt nur eine Seite der Medaille. Klar gab es viele Fehler und Ungerechtigkeiten auf Kosten Ostdeutschlands in der Nachwendezeit, das ist definitiv der Fall. Aber gleichzeitig wird dabei auch gerne bequem ausgeblendet, in welchem desolaten Zustand sich das Land zum Zeitpunkt seines Zusammenbruchs befand. Nimm eine Stadt wie Bitterfeld: über Jahrzehnte unter der DDR fahrlässig vergiftet, galt es damals als einer der dreckigsten Orte Europas. Wenn du zu jung bist, das selber miterlebt zu haben, schau’s dir mal auf Bildern an. Und heute? Klar sind die Straßen nicht aus Gold, aber die Böden sind weitestgehend saniert, in den Gewässern kannst du mittlerweile baden. Und das ist nur die Spitze. Ich weiß noch, wie es Anfang der 90er in Dörfern der (ehem.) DDR aussah, du auch?
Perfekt lief es zwar nicht, aber wie der Osten heute mittlerweile aussieht, kann sich unironisch sehen lassen. Da gibt es Orte tief im Westen, die sehen schäbiger aus. Gleichzeitig hat sich die Wirtschaftsleistung je Einwohner im Osten seit der Wiedervereinigung bis 2019 verdoppelt: sie liegt zwar noch immer “nur” bei 69% im Vergleich zu den Alt-Ländern, lag aber 1990 nur bei 32%.
Ich denke, da kommen mehrere Punkte zusammen: empfundene Kränkungen, Enttäuschungen über ein System, in dem man sich noch nicht so recht eingefunden hat, weil es ganz andere Dinge fordert als zu DDR-Zeiten gefragt waren, und welches gerade in letzter Zeit auch nicht nur den wirtschaftlichen Weg nach oben kennt, den man vielleicht erwartet hätte, Sehnsüchte in eine vermeintlich einfachere Zeit (das ist kein Ost-Phänomen, sondern Grundlage der globalen Welle des Populismus, führt hier spezifisch jedoch zu dieser Ostalgie). Ich finde es insofern spannend, als dass ich Ostdeutsche hier auch für “sensibler” halte, sie also früher auf eine Entwicklung ansprechen, die letztlich bundesweit auftreten wird. So ist die AfD zwar nach wie vor sehr stark im Osten, aber eben mittlerweile auch im Westen verankert.
Vom Kriegsende bis in die 50er war die BRD so aufgepäppelt worden, dass die Industrie im Vergleich zum Vorkriegsniveau gestiegen war; auch vor dem Krieg war der Westen schon der Standort der Industrie, samt entsprechenden Rohstoffvorkommnissen. Die Demontage tausender Industrieanlagen in der DDR hingegen hatte bis dahin die industrielle Produktion um c.a. 1/3 einbrechen lassen.
Ab den 60ern setzte dank Rohstofflieferungen und mehr Autonomie eine massive wirtschaftliche Entwicklung samt Steigerung des Lebensstandards ein, wobei die DDR dabei zeitweise ein BIP pro Kopf erlangte, das vergleichbar mit dem Großbritanniens war. Es gab schlicht zu Beginn nicht genug “Substanz”, um davon irgendwie längere Zeit stabil zu bleiben geschweige denn einen derarten wirtschaftlichen Aufschwung zu simulieren; der Arbeiteraufstand von 1953 zeigt das mMn eigentlich sehr deutlich. Dieser Aufschwung muss also mit einer tatsächlichen Steigerung der Produktion einhergegangen sein - was ich eher als Substanzgewinn bezeichnen würde.
Natürlich hatte die DDR gerade ab den 80ern massive Haushaltsdefizite, die durch Befriedung der Bevölkerung durch Anhebung des Konsumniveaus verschärft wurden. Diese Probleme wurden durch die Ölkrise und narürlich auch den Niedergang der UdSSR immer schlimmer. Die Kredite mussten bedient werden, wodurch Investitionen in Bildung und Infrastruktur vernachlässigt wurden und die DDR an dieser Stelle absolut von ihrer Substanz zehrte.
Aber die Aussage, die DDR hätte lediglich von ihrer Substanz gelebt und ihre ökonomischen und sozialen Errungenschaften wären nur Schein gewesen, ist meiner Ansicht nach zu eindimensional und ähnlich ahistorisch wie zu behaupten in der DDR wäre bis zur Perestroika alles super glaufen und sie wäre nur vom bösen Westen durch Wirtschafssabotage und Aufhetzen der ostdeutschen Bevölkerung und vom Osten durch Verrat der UdSSR niedergerungen worden.
Gehen wir mal davon aus, es hätte eine kapitalistische DDR gegeben (so absurd der Gedanke eines kapitalistischen Staates im Ostblock auch ist), die in den exakt gleichen wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen wie die historische DDR überleben müsste, also Feindschaft des Westens, Ressourcenknappheit, RGW usw. Hätte das Endergebnis anders ausgesehen? Ich denke kaum. Oder meinst du, dass sich eine kapitalistische DDR durch gnadenlose Auspressung der Arbeitskraft ihrer Bevölkerung oder fantastische Innovationskraft über Wasser hätte halten können? Die Weimarer Republik zuvor hat ja eindrucksvoll gezeigt, dass auch kapitalistische liberal-demokratische Staaten in ökonomischen Krisen … problematische Tendenzen entwickeln. Liegt das Scheitern der DDR wirklich am Sozialismus oder doch eher an ihrem Autoritarismus, der zur Unpopularität führte, und ihren ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen?
Das ist aber gar nicht mein Punkt.
Mein Punkt war und ist jedoch Folgender: Unter besseren Rahmenbedingungen könnte ein genuin partizipativer sozialistischer Staat so viel mehr erreichen. Wenn selbst eine von Mangelwirtschaft, Autoritarismus und Isolation geplagte DDR es im Vergleich zur viel reicheren BRD geschafft hat, Obdachlosigkeit und Elend zu beseitigen, für die Emanzipation der Frau so viel mehr geschafft hat als die BRD und so weiter und so fort, wie progressiv könnte dann eine sozialistische Gesellschaft in einem bereits industriell voll entwickeltem Land aussehen?
Dennoch ist der Osten im Wesentlichen zunächst eine Wirtschaftskolonie geworden. Das Gerechtigkeitsgefühl litt ganz massiv unter dem Zusammenbruch des Gemeinwesens und der beobachteten Plünderung des Ostens durch den Westen, selbst wenn danach einiges auch aufgebaut wurde. Heute liegt das Vermögen weitestgehend im Westen, die Unternehmen und ihre Bosse kommen aus dem Westen, die Politiker oft auch und im Vergleich sind Ostdeutsche ökonomisch schlechter abgesichert und haben weniger Vermögen. Die “Wiedervereinigung” ist ja gerade deshalb so tragisch, weil die Ostdeutsche Bevölkerung wirklich große Hoffnungen hatte und für die Einheit gekämpft hatten - sie bekamen aber als erstes sozialen Kahlschlag, Arbeitslosigkeit und allgemeine Ernüchterung. Ich denke die Kränkung der Ostdeutschen ist ein Gefühl, das deshalb durchaus eine materielle Grundlage hat.
Falls du dich daran störst, dass man meine Aussage so verstehen kann, dass die DDR zu keinem Zeitpunkt eigene Substanz geschaffen hat, sondern nur aufgebraucht hat, das möchte ich damit überhaupt nicht gesagt haben.
Bis zum Zeitpunkt ihres Zusammenbruchs hat sie jedoch in Summe so sehr die Substanz aufgezehrt, dass es schlicht nicht mehr weiterging.
Was heißt nur Schein? Sie waren zwar real, aber nicht finanziert.
Ich kann als Bar auch jeden Abend meinen Kunden das Bier für 50 Cent verkaufen. Viele Kunden werden das super finden und ich werde das Spiel eine Zeitlang auch aufrecht erhalten können. De facto werde ich jedoch immer mehr Mittel in dieses “Bierversprechen” stecken müssen, die mir anderswo fehlen, bspw Renovierungen. Bis mir irgendwann trotzdem die letzte Kohle ausgeht und ich dicht machen muss.
Derjenige, der dann meinen Laden übernimmt, kernsanieren muss und dann das Bier für 4 Euro anbietet, darf sich dann auch anhören, dass das Bier hier früher viel billiger war und es früher doch viel schöner war und was da alles möglich war. War’s halt nicht, darum gibts die Bar nicht mehr.
Das scheitert schon daran, dass es bei einem kapitalistischen Wirtschaftssystem keine Feindschaft des Westens gegeben hätte, sondern eine Feindschaft des Ostens, da die Trennlinien entlang der Wirtschaftssystemgrenzen gezogen waren. Genau das war ja Kern des Ganzen.
Da ihr Sozialismus im Rahmen des damaligen Wettstreits der Systeme dazu geführt hat, der erklärte Gegner der Marktwirtschaft zu sein, sind die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen für mich damit verbunden. Bezüglich des Autoritarismus als Grund habe ich insofern Bedenken, als dass wir in China erleben können, wie sehr die Bevölkerung harten Autoritarismus toleriert, so lange ökonomische Rahmenbedingungen das ausgleichen. Im Gegensatz zur Sowjetunion und ihren Ländern hat sich China retten können, indem man es zwar nach wie vor “Sozialismus” nennt, in Wahrheit den Kapitalismus aber längst in die Wirtschaft gelassen hat. Noch klappt das.
… und trotzdem jubeln erschreckend viele dieser enttäuschten Ostdeutschen heute einem Westler Höcke zu, der wie damals die windigen West-Handelsvertreter nach dem Mauerfall ins Land gekommen ist und ihnen nutzlosen Kram zu seinem eigenen Vorteil andrehen will.
Schon richtig. Das liegt allerdings nicht nur an den bösen Westlern, sondern weil auch erst dann der bis dahin durch die DDR mühevoll verborgene Zustand des Landes freibrach. Es ist auch die Rechnung gewesen für 40 Jahre “Arbeiterparadies”. Diesen Preis hätten die Bewohner des Landes jedoch so oder so zahlen müssen, ob nun als Bürger der DDR oder der BRD. Es ist den ehemaligen Brudervölkern ja nicht anders gegangen.
Bei uns war nur das fatale, dass es dann nur die eine Hälfte des Landes betraf und nicht alle. Ein Psychoexperiment, das gezielt Unfrieden stiften soll, könnte man quasi gar nicht besser aufziehen. Insofern: ja, es hat eine materielle Grundlage und die Narben sind noch nicht geheilt. Das ist aber auch nicht zu erwarten, denn der Kraftakt Wiedervereinigung in Zeiten des Umbruchs ist ein wohl einmaliges Vorhaben ohne Blaupause. Und doch verblassen mit jedem weiteren Jahr die tiefen Gräben weiter, die die deutsch-deutsche Teilung und ihre Schatten gerissen haben.